ICH BIN ALLEIN, UM NICHT EINSAM ZU SEIN

Einsam, Monogamie, Alleine, Partnerschaft, Liebe, Jörg Kopp

ICH BIN ALLEIN, UM NICHT EINSAM ZU SEIN

Wenn ihr das Wörtchen „einsam“ in Google hackt, erhaltet ihr ein sehr interessantes Ergebnis: Zuerst den ultimativen Psychotest eines Ratgeberverlags, der euch verrät, wie einsam ihr tatsächlich seid. Falls ihr noch nicht selbst drauf gekommen seid. Gleich im Anschluss Artikel darüber, wie ihr „die innere Leere“ füllt, die Einsamkeit bewältigt und – klar, die dürfen nicht fehlen – „Tipps, die sofort helfen“.

Fazit: Einsam zu sein, ist scheiße.

Nach Mallorca bin ich vor Kurzem trotzdem alleine gezogen. Gut so, denn ich war ja auch nicht einsam …

Einsam oder entspannt?

Das können viele Menschen scheinbar erst mal gar nicht fassen. Auch als ich letztens meinen Blog über geheuchelte Monogamie veröffentlicht habe, kam oft die Rückfrage: „Ist dir das nicht zu einsam?“

Nein, ist es nicht. Weil ich allein sein kann.

Ich bin überzeugt, dass etliche Menschen sich heute schwertun, es mal eine Zeit lang mit sich selbst auszuhalten. Wenn sich das Schicksal gegen sie stellt, die Verabredung platzt oder keiner der Freunde spontan Zeit hat, dann verordnen sie sich, mal einen Abend lang zu chillen. Das Vorhaben hält ganze fünf Minuten, in denen sie mit wippenden Füßen auf dem Sofa sitzen und nervös um sich blicken. Dann wird auch schon das Smartphone gezückt, der Fernseher eingeschaltet und sich mit Carrie Bradshaw darüber hinweggetröstet, dass im realen Leben gerade keine besten Freundinnen rumhüpfen. Oder sie springen auf und wischen die Küche. Hauptsache, nicht einsam werden.

Das ist mir deutlich zu unentspannt.

Was ich der Welt hinterlasse

Ich fühle mich nicht einsam, wenn ich mal eine Weile nicht von Menschen umgeben bin. Im Gegenteil: Ich genieße es aufs Höchste, allein zu sein. Das gibt mir die Chance, über das Leben nachzudenken. Was ich schon erreicht habe. Was ich noch machen will. Das ist ein bisschen, als ob ihr eure eigene Grabrede schreibt. Was werdet ihr der Welt hinterlassen haben? Glückliche Kinder, unsterbliche Kunstwerke, einen riesigen CO2-Fußabdruck, …?

Mallorca war für mich so eine tolle Auszeit mit mir allein, weil ich auf neue Ideen kommen und mich auf Projekte fokussieren konnte, die ich anstoßen möchte. Die gehen im Alltag doch zu schnell vergessen. Ob ihr nun Wale retten, mehr Qualitätszeit mit besonderen Menschen verbringen oder ein eigenes Nagelstudio gründen wollt – richtig darüber nachdenken und euch über eure Pläne klar werden könnt ihr, wenn ihr allein seid.

Denn dabei kümmert ihr euch mal intensiv um den wichtigsten Menschen in eurem Leben: euch selbst. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Menschen, die nicht dauernd hektisch hin- und herrennen, die sich spüren und auf ihre innere Stimme hören, nicht einsam sind. Euch gelegentlich allein zurückzuziehen und euch um euch selbst zu kümmern, macht vielmehr extrem friedlich.

Allein sein für den Weltfrieden

Ich möchte sogar behaupten: Menschen, die es mit sich alleine aushalten können, ohne dabei gleich einsam zu werden, sind der Beginn des Weltfriedens. Weil ihr allein mit euch selbst auf eure eigene Bedeutungslosigkeit zurückkommt. Wenn ihr jetzt tot umfallen würdet, berührt das schließlich vielleicht noch eure Nächsten – aber den Lauf der Geschichte ändert das nicht. Warum solltet ihr euch also so wichtig nehmen und euch zusammen mit dem Mob über Flüchtlinge empören und nach mehr Überwachung schreien? Dass diese Themen in unserem Hirn mit Prio-eins-Stempel ablaufen, hat uns doch letztlich nur die Gesellschaft aufgedrückt. Da bleibe ich lieber bei mir und genieße die Ruhe.

Diese kehrt nämlich sprichwörtlich ein. Wenn ich eine Weile mit mir alleine bin, vergeht das dauernde Geplapper im eigenen Gehirn. Was ich kaufen, essen, tragen, cool finden soll, macht Platz für Größeres. Manche nennen das Meditation, wieder andere sperren sich für den Effekt eine Woche lang ins Schweigekloster ein. Schön und gut, wenn ihr das braucht, um aus eurem Nine-to-Five-Setting auszubrechen. Für mich sind diese Lösungen nur eine Krücke, ein weiteres Korsett, wenn mir jemand vorgibt, durch welches Nasenloch ich nun wie schnell ein- und ausatmen darf. Bei so viel Anleitung ist die Gefahr hoch, sich auch im vollen Seminarraum ganz schnell wieder einsam und verloren zu fühlen.

Konsequent allein zu sein, ist für mich daher die bessere Meditation. Dabei lade ich meine Batterien auf und kann umgekehrt, wenn ich zurück unter Menschen gehe, auch wieder wohlwollender und friedlicher im Umgang mit diesen sein. Deshalb, ja! Regelmäßig allein zu sein ist die beste Prävention dagegen, einsam zu enden.

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