WENN GANZ DEUTSCHLAND AUF DER STELLE TRITT

Jörg Kopp, Tolstoi, Veränderung

WENN GANZ DEUTSCHLAND AUF DER STELLE TRITT

Wie die Lemminge stürzen sich ja gerade alle auf die GroKo – da stürze ich mich doch einfach mal mit. Schließlich sind wir alle wahnsinnig gut darin, uns über alles Mögliche zu empören.

  • Wir sitzen im Zug – na klar, der hat mal wieder Verspätung. Die Bahn bekommt’s ja nie hin, mal pünktlich zu sein.
  • Was, in deinem Küchenschrank steht kein Fair-Trade-Kaffee? Wie kannst du nur so gedankenlos sein?
  • Hach, jetzt gibt es also doch keine Neuwahlen. Hätten die nur mal …

Das können wir einfach exzellent: uns über andere empören. Aber wir haben es ebenso perfektioniert, uns hinter dieser Empörung zu verstecken.

Der Claus Kleber in euch

Ich finde das ja schon irgendwie geil und unterhaltsam, wenn ich das empörte Gekeife und Kopfgeschüttel beobachte. Andererseits ist es doch auch unfassbar, dass die meisten dann dazu neigen, eigentlich nichts beizutragen, was zur Abwechslung mal Mehrwert oder Veränderung in die Sache bringen würde. Wir empören uns im Endeffekt also nur auf besonders hohem Niveau, damit wir selbst nichts tun müssen.

Denn kaum jemand kommt auf die Idee, mal einen früheren Zug zu nehmen, um nicht Gefahr zu laufen, zu spät bei einem wichtigen Termin einzutrudeln. Und Urlaub machen sie trotzdem auf den Malediven – wo bleibt denn da die Nachhaltigkeit? Genau – auf der Strecke … Das ist genau das Gleis der Empörung, auf dem immer alle mitfahren. Dann schimpft eben auch die ganze Nation darüber, wie schrecklich es gewesen wäre, Neuwahlen anzuzetteln. Oder aber wie wichtig es gewesen wäre, neu zu wählen. „Mensch, was da nicht hätte passieren können“, höre ich ja fast schon von Claus Kleber – meiner liebste öffentlichen Hassfigur und dem Empörungsspezialisten par excellence –, als könnte er in die Zukunft sehen. Aber in welche Glaskugel guckt er da eigentlich? Mit seinen Nachrichten oder vielmehr seinem empörten Kommentar, den er mir bloß als sachliche Nachricht verkaufen möchte, schafft er bloß diffuse Angst, die die Dinge so richtig schön lähmt.

Bitte einsteigen – der Zug fährt ab

Aber in diesem Einheitsbrei der Empörung ist es ja auch wirklich gemütlich. Und nicht die Bohne einsam. Wenn der eine im Zug anfängt, über die Verspätung zu schimpfen, springen garantiert noch ein paar andere auf den Empörungszug auf und schimpfen mit. Erzählen vom verspäteten Zug letzte Woche, vom Schneechaos im Dezember und der ausgefallenen Klimaanlage im letzten Sommer. Kein Wunder, dass die Leute sich der Empörung hingeben, schließlich bekommen sie wahnsinnig schnell Response.

Allerdings bleibt die Geschichte so doch eben immer nur verbal. Da kann jeder die Klappe aufreißen, weil er sich für ach so wichtig hält. Und dann gehe ich gerne mal hin und konfrontiere die Leute mit ihrem eigenen Geschwätz und ihrem eigenen Handeln – oder vielmehr ihrer eigenen Untätigkeit. Da werden die meisten dann ganz schnell kleinlaut und kommen mit dem Totschlagargument schlechthin: „Ich kann doch als kleines Lichtlein nichts ändern. Das wäre doch bloß ein Tropfen auf den heißen Stein.“ Nach der Empörung widmen sie sich dann wieder den wirklich wichtigen Dingen: Dieter Bohlen schreit bei DSDS mal wieder ein junges Mädel an und irgendeine Mandy heult im Dschungelcamp, weil sie keine Würmer fressen will.

Tolstoi wusste schon …

Everyone thinks of changing the world, but no one thinks of changing himself.

Das eigentliche Problem ist doch, dass viele gar keine Veränderung wollen. Deshalb haben wir auch wieder genauso gewählt und nun weitere vier Jahre Frau Merkel und ihr Schattenkabinett am Hals. Da ist genauso wenig eine Lichtgestalt dabei, die mal statt bloßer Empörung auch Drive und frischen Wind in die Sache bringen würde. Den Quatsch haben wir uns also selbst eingebrockt.

Ganz ehrlich: Ich empöre mich auch gerne hier und da und bin selbst kein Weltretter. Aber das muss ich auch gar nicht sein – ich muss nicht morgen alle Hungersnöte auf der Welt bekämpfen und übermorgen den Weltfrieden bringen. Allerdings bin ich überzeugt, dass jede gute Tat – und wenn sie noch so klein ist – eine weitere nach sich zieht. Ich halte mich dann doch lieber an meiner Demut fest und denke wie die Pfadfinder: Was war heute meine gute Tat? Und da ist es doch schon was, wenn ich der Person, die hinter mir ins Kaufhaus geht, die Tür aufhalte.

1Kommentar
  • Marion Kirstein.
    Geschrieben um 03:07h, 05 Februar Antworten

    Sehr guter Artikel. Problem erkannt. Habe mich darin wiedergefunden. Die Altparteien habe ich nicht gewählt. Ich kritisiere die Kartellparteien. Doch das ist zu wenig. Es muss mehr passieren, um eine politische Veränderung herbeizuführen.

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